Zweckentfremdung

Auch wenn es den Anschein erwecken könnte, dieser Wegweiser in WISMAR steht nur für die einzuschlagende Richtung der Besucher und nicht etwa für die Residenz eines Kirchenfürsten. Die römische Kurie, die zur Zeit der Erbauung des Fürstenhofs (1512) durch Ablasshandel und üppiges Leben der holden Geistlichkeit in verwerflicher Weise verweltlichte und dadurch den Revoluzzer Luther und die Reformation geradezu herausforderte, war zu Baubeginn im Begriff abgelöst zu werden.

Was den Bauherren, Herzog Albrecht VII.(der Schöne) zu Mecklenburg dazu bewog, das schmucke (aber nur dreistöckige) Häuschen genau in den Schatten der ehrwürdigen Kirchen St Georgen (um 1295 erbaut) und die um 1250 erbaute Marienkirche (von der heute nach den Luftangriffen im 2. Weltkrieg nur noch der Turm steht), zu placieren, ist nicht bekannt. An den Grundstückspreisen kann es eigentlich nicht gelegen haben.

Bekannt ist der Anlass zur Errichtung des Fürstenhofs. Seine Heirat mit Anna von Brandenburg und Herzogin von Mecklenburg-Güstrow. Und in alter Tradition wurde dann auch. anlässlich der Heirat des Herzogs Johann Albrecht I. mit Anne von Preussen 1553, das ganze Haus umgebaut und auch gleich erweitert. Und zwar im Stil einer von Italien inspirierten Residenzarchitektur.

Baugeschichtlich gehört der Fürstenhof zu den bedeutenden Bauwerken dieser Epoche. Kunsthistorisch interessant der Fassadenschmuck. Wie auch am Schweriner Schloss und auch Schloss Gadebusch, sind die Fassaden teilweise mit Terrakotta Reliefplatten verkleidet.

Die Themen der Friese sind sowohl der klassischen Sagenwelt, als auch Gleichnissen der Bibel entnommen. Da gibt es Parallelen zu den Palazzis der Terrakottastadt Ferrara. Direktes Vorbild könnte der dort um 1508 gebaute Palazzo Roverella sein.

Im Westfälischen Frieden und mit der Übergabe Wismars an das Königreich Schweden endete die Glanzzeit der mecklenburgischen Herzöge.

Schweden erhielt das Privilegium de non apellando. Das verbot den Zugang zu den obersten Reichsgerichten und machte die Einrichtung eines eigenen obersten Gerichts notwendig. Das war ursprünglich im Mittelalter vom Kaiser geschaffen um den adligen Ausbeutern ihren Untertanen zu verbieten, den Kaiser als gerichtlich höhere Instanz anzurufen.

Heute geht so etwas subtiler. Da gibt es nämlich eine Untergrenze zur Anrufung der nächsthöheren Instanz. Ich habe das leider selbst einmal spüren müssen. Als ich einen, in meinen Augen völlig zu Unrecht ausgesprochenen Strafbefehl (anlässlich eines Verkehrsdelikts) nicht akzeptierte und mein Anwalt dies (leider zu früh) auch dem Richter so darlegte („‚mal sehen was das zuständige Landgericht dazu meint“), verringerte der Richter einfach den Betrag. Es war das einzige Mal, dass ich mit dem zu Hilfe geholten, befreundeten Anwalt verlor (der Richter und er kannten sich schon aus Studienzeiten und da war wohl noch eine Rechnung offen..).

1653 wurde hier das angesehene Wismarer Tribunal eingerichtet. Erst 1802 wurde dieses dann nach Greifswald und später nach Stralsund verlegt. Und 1876 erfolgte nach gründlicher Restaurierung die Unterbringung des A m t s g e r i c h t e s …

Mehr Zweckentfremdung geht wohl nicht. Ausgerechnet die Einstiegsklasse zur Gerichtsbarkeit. Auch wenn es die wohl schon 150 Jahre gibt. Klein, klein bis höchstens € 5.000 Streitwert wird hier verhandelt und Freiheitsstrafen nur bis höchstens 4 Jahren ausgesprochen. Dazu ein bisschen Unterhalts- und Insolvenz Gedöns. In diesen heiligen Hallen, in denen heute noch die Geschichte atmet. Nun ja, das Grundbuchamt ist wenigstens stilvoll untergebracht.

In DDR Zeiten war hier das Kreisgericht Wismar zuhause und das VEB (Kombinat) Geodäsie und Kartographie, ausserdem das Stadtarchiv.

Heute also, nach erneuter und kostspieliger Renovierung, das AMTSGERICHT. Jura hätte man studieren sollen – um zu leben, wie die Fürsten.

Veröffentlicht von ruhland99

Man kennt mich - oder man kann mich (kennenlernen)..

8 Kommentare zu „Zweckentfremdung

  1. Wie jetzt, keine Kirche? Na, wenn das nicht mal bös‘ endet. 🙂 🙂

    Die meisten (älteren) Amtsgerichte liegen nicht nur in bester Gegend, sondern auch in ehemaligen Prachtbauten, wobei MP es tatsächlich geschafft hat, derart viele Amtsgerichte abzuschaffen, dass die Rechtspflege ins Stocken geraten ist.

    Und sicher; Schuld hat immer der Anwalt, nicht der „Täter“, der ein Verhalten an den Tag gelegt hat, welches zum Strafbefehl gereicht haben dürfte. Und bei einer berufung in Strafsachen greift dann § 312, 313 StPO, so dass der „Wert“ eher zeitrangig ist. 😉

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    1. SH braucht vielleicht 5 Amtsgerichte mehr als MeckPomm weil die Leute da nicht so gesittet und friedlich sind..Und die Abschaffung der „Kleingerichte“ dient ja, nach Aussage der Politik, auch „der Effizienz“.. Von meinem, meist mustergültiges Verhalten, war der Anwalt stets überzeugt (weil ich ihm iauch mmer gesagt habe, wie das wirklich – war oder aber auch gewesen sein könnte..)😂😂Wir kannten uns eben.😁

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      1. nee, nee, in MP ist es wirklich ein großer Schildbürgerstreich gewesen, die Amtsgerichte zu schließen

        So werden nun in MV noch zehn Amtsgerichte mit sechs Zweigstellen Recht sprechen. Natürlich ganz toll für die Auswärtstermine, Reisefahrten, und die Tatsache, dass ggfs. ärmere Mitbürger nun nicht einmal Beratungshilfe schnell beantragen können. Zudem sind diese 10 Amtsgerichte derart überlastet, dass Verfahren fast das Doppelte dauern.

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    1. MeckPomm hatte schon 90/91 Richter gesucht. 😉

      Das Ganze ist ein einziger Wahnsinn. So muss der Richter Fahren zwischen Stralssund/Greifswald machen – die Zeit fehlt dann natürlich bei der Aktenbe“arbeit“ung. Angeblich wollte man rund 20 Mio einsparen, hat nun ein Vielfaches wegen Verlegungsanträgen, Fahrtkosten und – gerade im Winter – ausgefallenen Terminen.

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      1. Im Prinzip ist ja autofahren schöner als arbeiten😀Aber wenn´s dann Steuergelder kostet ist Schluss mit Lustig! Da fragt man sich schon, welche Entscheidungsträger mitsamt ihrem Gefolge am Werk waren (sind). Wie bei so manch anderen einsamen Entscheidungen. Vielleicht fehlt da immer irgendwie auch etwas Praxisnähe..

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