LAHN – CAMINO, von Bad Ems nach Lahnstein


Der letzte Tag meiner ungewöhnlichen Wanderung, meinen paar Schritten auf dem Sternenweg, beginnt in Bad Ems und endet nach 22 km am Ziel des Lahn-Camino, in Lahnstein.

Sternenweg ist ein Synonym für den Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Die Sterne der Milchstraße stellen nach alten Vorstellungen den Weg der Seelen dar. Ihr Licht ist dabei der Kompaß, der den Weg zum Paradies zeigt, das man ja früher am Ende der Welt vermutete.

Und die Jakobsmuschel war nicht nurein Pilgerabzeichen und Trinkgefäss. Sie alleine hatte schon magische Wirkung, heilte Kranke und brachte all denen Glück die eine „wahre“ Jakobsmuschel entweder in Santiago oder bei einer der Jakobus gewidmeten Heilstätten am Jakobsweg gekauft hatten. Oder sie an der Küste am Cap Finistere aufgesammelt haben.

Bad Ems, erstmals erwähnt 880, hat sich im 17. und 18. Jhd. zu einem der berühmtesten Badeorte entwickelt und erlebte im 19. Jhd. seine Blütezeit als Weltbad und Sommerresidenz zahlreicher Monarchen und Künstler. Kaiser Wilhelm I, Richard Wagner, Dostojewski, die Zaren Nikolaus I und Alexander II, was Rang und Namen hatte, traf sich hier. Bekannt ist allerdings auch die „Emser Depesche“, aus der Blut und Eisen Zeit des Otto v. Bismarck, die 1870 den Krieg gegen Frankreich auslöste.

Vor 10 Jahren passierte man mit Wehmut die einst prächtigen, mittlerweile verblassten und teilweise bröckelnden, Fassaden der damaligen First Class Hotels oder auch der villenähnlichen Pensionen. Das alles hatte schon bessere Zeiten gesehen. Aber inzwischen hat sich doch wieder einiges getan. Das fiel mir auf, als ich ein paar Jahre später auf dem Lahn Radweg unterwegs war.

In Serpentinen, steil nach oben, erreicht man die Kaiser-Wilhelm-Kirche. Wohl evangelisch, wer sonst vergibt solch einen Namen? Meist sind Kirchen doch nach Heiigen benannt. Nun ja, so lange keine Angela-Merkel-Kirche geplant ist soll es mir recht sein. Kann aber noch kommen, die ist ja bekanntlch evangelisch..

Um diesen schrecklichen Gedanken zu vertreiben folgte ich dem steilen Weg mit einem kurzen Abstecher zum Malbergskopf. Der bietet eine besondere Aussicht auf Bad Ems und bis 1979 führte sogar eine Bahn hier hoch. In der ehemaligen Gipfelstation, die aber einen ruinenhaften Eindruck macht, parkt noch ein Waggon von damals (im Bild gerade noch zu erkennen). Zwar 1982 als technisches Denkmal unter Schutz gestellt, verrottet alles aber irgendwie. Die Bemühungen eines Fördervereins, diese Bahn wieder in Betrieb zu nehmen, sind bisher erfolglos geblieben. Da ist halt nicht mehr viel übrig von der Guten Alten Glanzzeit. Bei den wenigen Kurgästen heutzutage ist mit keinem großen Besucherandrang zu rechnen.

Weiter geht der Weg der Pilger und man findet auch hier wieder Zeugnisse aus der Zeit, als in der gesamten Region noch Bodenschätze gefördert wurden. Und vom letzten Orkan zeugten wieder die zu umgehenden Hindernisse.

Überall findet man auch Zeichen der Verehrung „des da Oben, wenn´s Ihn denn gibt“. Und dann stand ich auch fast ehrfürchtig in Frücht, vor der Familien Gruft in der die Gebeine des Freiherrn-von-Stein liegen. Das kleine Ort Frücht gehörte früher zur Grafschaft Nassau und wurde 1613 an Johann Gottfried von Stein verkauft. Komplett, mit Einwohnern und Inventar oder so ähnlich Wie das damals abging weiss kein Mensch. Irgendwie ein Vorläufer der heutigen Projektentwickler. Der Freiherr Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein war ein preußischer Staatsmann und Reformer.

Etwa 5 Kilometer vor Lahnstein trifft der Lahn – Camino auf den Rheinsteig und folgt diesem dann bis Lahnstein. Vorher habe ich aber in dem, an diesem Tag glücklicherweise bewirtschafteten, Restaurant der im 13 Jhd. erbauten und sagenumwobenen Burg Lahneck eine letzte Rast eingelegt und mir eines der besten Weizen meines Lebens gegönnt.. Um dann mit frischem Schwung die letzten Meter zu bewältigen.

Versteckt, hinter einem alten Brunnen und verdeckt vom Biergarten eines nahen Restaurants, fand ich dann nach einigen Umwegen die 1330 errichtete St. Jakobs-Hospitalkapelle. Das Ziel des Lahn – Camino. Hier fanden die Jakobspilger in früher Zeit Unterkuft. Bei der Renovierung zwischen 1985 und 1989 wurden hier das 4. Pilgergrab in Deutschland mit Resten einer Jakobsmuschel gefunden. Über dem Portal bestimmt der Heilige Jakobus die Szene. Er ist in Pilgertracht gekleidet. Ein Boot mit drei Pilgern steht symbolisch für die im Mittelalter notwendige Rheinüberquerung auf dem Weg nach Santiago de Compostela, dessen Kathedrale gehört da einfach dazu. Und bis dahin sind es jetzt ja auch nur noch 2.200 Kilometer..

Da bin ich also an meinem Ziel angekommen, und das Schönste an einem Weg ist ja doch letztendlich das Ankomen. Wir alle wollen ja irgendwann ´mal irgendwo ankommen. Oder hat der Camino jetzt erst begonnen?

Frömmer geworden bin ich nicht, das ist auch nicht der Sinn solch einer Wanderung, die man am besten alleine unternehmen sollte. Täglich 6 bis 7 Stunden mit sich selbst zu verbringen ist ja auch ´mal was.

Es gibt nicht nur den „einen“ camino und auch nicht die „eine“ richtige Art und Weise, diesen Weg zu gehen. Genau, wie es auch nicht nur die „eine“ richtige Art und Weise gibt, das Leben zu leben.

Die Compostela habe ich natürlich n i c h t mitgebracht, die gibt es erst in Santiago – wenn man denn will. Ich brauche sie nicht, aber alleine im Heiligen Jahr 2010 hatten sich ca. 300.000 Pilger darum bemüht. Es wird langsam eng, auf dem camino. Und nach neuesten Berichten werden auch schon vorgestempelte Pilgerausweise gehandelt, um die compostela, die den Besuch der Kathedrale bescheinigt, zu ergattern. Denn nur, wer wenigstens die letzten 100 km zu Fuss, oder 200 km auf dem Pferd oder dem Fahrrad hinter sich gebracht hat, erhält dann im Pilgerbüro seine ersehnte Urkunde. Meine rd. 150 km auf dem Lahn-Camino zurückgelegten Kilometer, in Portugal, Spanien oder Frankreich gestartet, wären ausreichend gewesen..

War es bei mir nur ein camino light, ein Kratzen an der Oberfläche sozuagen, so kann ich zu denen, die den „harten Weg“ gegangen sind, nur sagen: Chapeau ! Das gilt ganz besonders E. S., einer jungen Frau, die im letzten Jahr auf WordPress täglich von ihrem Weg auf dem Caminho Portuges in excellenter Form und mit bestechenden Fotos (und sogar Videosequenzen) berichtete – und dann auch Santiago de Compostela erreichte. Alleine, mit Rucksack und ohne Hilfsmittel..

Buen Camino !

„El camino comienza en su casa“ — „Der Weg beginnt in Ihrem Haus“

2 Kommentare

  1. Ich bin dir gerne auf deiner Wanderung gefolgt. Wenn es nach mir ginge, könnten wir noch einige Kilometer Seite an Seite weiter laufen. Ich habe auf dieser Wanderung, viel sehens und wissenwertes erfahren. Eine sehr interessante Beitragsfolge, die kurzweilig und informativ geschreiben war. Es gab einige Infos, die den Weg in mein Notizbuch gefunden haben.

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  2. Vielen Dank für Deine Komplimente. Auch wenn ich mich in den kommenden Beiträgen wieder etwas mehr meiner „neuen Heimat“ widmen werde: es gibt zwuschebdzrch noch so einiges aus der Vergangenheit.☺️

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