Wetzlar – statt St. Jean Pied de Port

Da habe ich also noch rechtzeitig die Notbremse gezogen und mich nicht den Strapazen des camino frances unterworfen. Aber für den Camino light sollte es noch reichen. Und der führt von Wetzlar nach Lahnstein.

Wetzlar ist ein Ort, der schon in der Altsteinzeit besiedelt war und bereits in der keltischen Zeit wurde dort Eisenerz gewonnen. Also vor rund 2.500 Jahren. Und es gab auch Kupfer-, Silber- und sogar Goldminen in der näheren Umgebung. Im ersten Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts, ein römisches Militärlager. Irgendwann bekam Wetzlar das Marktrecht und Händler und Handwerker besiedelten den Ort. Gegen 900 wurde dann eine Kirche erbaut und schon vorher hat Karl der Große die Reichsburg Karlsmunt errichtet (von der gibt es heute nur noch einen Hügel) und liess dort die kaiserlichen Münzen prägen. Im 13. Jhd. liess sich der Deutsche Orden für rund 500 Jahre in Wetzlar nieder. Über Jahrzehnte übrigens, bekriegte sich Wetzlar mit dem Grafen von Solms. Der nämlich, versuchte aus Wetzlar eine solmsische Hauptstadt zu machen und die lebenswichtigen Handelsstrassen zu beherrschen. Als der Kaiser im 14. Jhd. die Stadt an den Erbvogt Hermann II übertrug war dann die ganze Geschichte überhaupt nicht mehr „ganz konfliktfrei“. Die Landgrafschaft musste öfters mal ihre Rechte mit militärischer Hilfe gegen die aufmüpfigen Bürger durchsetzen. 1387 verschuldete sich die Stadt und fiel unter Zwangsverwaltung. Der 30 jährige Krieg reduzierte dann auch noch die Einwohnerzahl auf rund 1.500 und es war ein Glücksfall, dass sich 1689 das höchste Gericht des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das Reichskammergericht in Wetzlar ansiedelte.

In dem (nur farblich) roten Haus war dann auch Johann Wolfgang von Goethe als Praktikant tätig. Im Herbst 1772, nachdem er dort seine unglückliche Liebe zu der bereits verlobten Charlotte Buff erlebt hatte, verliess er Wetzlar ohne Abschied und wanderte nach Bad Ems.

Die Leiden des jungen Werthers lautete dann auch der ursprüngliche Titel des von Goethe veröffentlichten Briefromans, in dem der junge Reichspraktikant Werther bis zu seinem Freitod über seine unglückliche Liaison zu der bereits mit einem anderen Mann verlobten Lotte berichtete. Die Handlung trägt autobiographische Züge. Das Motiv für den tragischen Ausgang dieser Liebe, die Selbsttötung Werthers, lieferte Goethe der Suizid seines Freundes Karl Wilhelm Jerusalem. Der war Gesandschaftssekretär in Wetzlar und hatte sich in eine verheiratete Frau verliebt, die für ihn unerreichbar war. Die Erstausgabe erschien im Herbst 1774 zur Leipziger Buchmesse und wurde gleich zum Bestseller. Dieser Roman liess Goethe über Nacht in Deutschland berühmt werden und kein weiteres Buch Goethes wurde von so vielen Zeitgenossen gelesen.

Ich habe dies alles nur deshalb so ausschweifend beschrieben, weil der hier in Wetzlar beginnende Lahn – Camino auf der Route des Lahn Höhenwegs verläuft. Und genau diesen, damals natürlich noch unbenannten Weg, hat mein „ehemaliger Frankfurter Nachbar“ wohl auch genommen. Es gab ja keinen anderen. Und diesen Weg gingen vor ihm schon viele andere. Deren Motivation und das eigentliche Warum, versuche ich in meinen nächsten Beiträgen (in gewohnt laienhafter Form) etwas zu ergründen.

Veröffentlicht von ruhland99

Man kennt mich - oder man kann mich (kennenlernen)..

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