Berg der Kreuze

Die Tochter war krank, schwer krank. Der Medicus machte dem Vater keine Hoffnung mehr und riet ihm, zu seinem Gott für die gnädige Aufnahme der Seele des Kindes zu beten. Denn sie waren durchweg gläubig, die Leute hier, vor rund 700 Jahren.

Die hätten weder Schwertfegerorden noch den Deutschen Orden gebraucht und den späteren 30 – jährigen Krieg auch nicht. Menschen die glauben, muss man nicht missionieren. Lasset sie doch dem Glauben ihrer Väter treu bleiben! Was beim eifrigen missionieren herauskam haben wir (oder hätten wir) eigentlich aus der Vergangenheit, der derzeit mit Mitgliederschwund zu kämpfenden „Volksreligionen“ , lernen sollen..

Dem treusorgenden Vater erschien damals im Traum kein Engel, sondern eine weißgekleidete Dame. Die forderte ihn ganz schlicht auf, den nächsten Hügel (es gibt ja gar keine richtigen Berge im Umfeld von Siauliai) zu besteigen und dort ein Kreuz aufzustellen. Und führte ihn damit in Versuchung: die Tochter einsam sterben zu lassen oder auf eine höhere Macht zu vertrauen – here is the question, hätte Shakespeare geschrieben.

Der Vater tat wie geraten und nach seiner Heimkehr empfing ihn die geheilte Tochter. So etwas verbreitete sich auch damals schon, in Zeiten ohne Twitter, dermassen fix, dass ähnlich den Lockrufen des Colorado Goldes, umgehend reichlich viele Leute kamen, um ebenfalls Kreuze für die Beseitigung ihrer Sorgen dort zu errichten.

Eine andere Sage berichtet von einem Fürsten von Vilnius, der vor 300 Jahren einen Prozess führte. Auf dem Weg nach Riga, war wohl der vereinbarte Gerichtsstand, kamen dem Prozesshansel doch irgendwelche Zweifel am erfolgreichen Ausgang desselben. Als er dann, tief in Gedanken an das Prozessrisiko, kurz nach Siauliai ein paar Hügel passierte, hatte er einen Geistesblitz. „Geht der Prozess zu meinen Gunsten aus, so errichtete ich hier ein Kreuz“. Er gewann den Prozess und erfüllte sein, ja eigentlich von gar Keinem gehörtes, Versprechen. Also konnte der Schlingel ja doch nicht so abgrundtief verdorben sein, wie heute so mancher Vertreter unserer Obrigkeit.

Unfassbar, dass „der da Oben, wenn´s ihn denn gibt“ auf so einen deal einging. Daher bevorzuge ich meine eigene Mischung aus Dichtung und Wahrheit. Also die erste. Und wenn´s doch nicht so war, hätte ja sein können..

Leider hat der Berg der Kreuze eine viel tiefgründerige Bedeutung. Man vermutet, dass dieser „Berg“ im Mittelalter eine Opferstätte war und auch als Gebetsstätte diente. Die Kreuzritter haben ihn dann 1384 dem Boden gleichgemacht. Und dieses Schicksal hatte dann traurige Tradition. Insbesondere im 19. Jhd., als sich die Litauer wieder einmal gegen die russischen Besatzer wehrten. Da wurde der Berg zu einem Symbol des Widerstands. Da begannen die Leute Kreuze aufzustellen um an ihre, im Kampf gefallenen, Angehörigen zu erinnern. Und auch auf die hier hingerichteten Aufständigen. Und an die, in der Stalinzeit, Verschleppten. Das passte diesem Regime natürlich überhaupt nicht und so liessen sie den Berg der Kreuze mit Bulldozern abreissen. So rund 2.200 Kreuze waren es zu dieser Zeit. Stets, am nächsten Tag, stellten die Litauer aber wieder Kreuze auf. Und das Regime wiederholte mehrmals seine Aktionen. Die Litauer auch. Im Jahr 1990 sollen es dann schon so um die 40.000 Kreuze gegeben haben.

Heute sind es bestimmt über 100.000 und weil inzwischen dort ein Kloster errichtet, der Papst zu Besuch war und die Leute von etwas leben müssen, verkaufen sie jetzt an die Touristen Kreuze in jeder Preislage zum Ergänzen..

Um es möglichen Spöttern vorweg zu nehmen: Der Berg der Kreuze ist kein Sondermüllplatz. Er hat zumindest Respekt verdient. In Anbetracht der hier zeitweise herrschenden Zustände, die uns glücklicherweise erspart geblieben sind, haben die Litauer ein Fanal gesetzt. Und das ist gefälligst zu würdigen. Auch wenn man kein bekennender Christ ist, aber meist war ja da irgendwas..

Besonders gefiel mir, unter diesen unzähligen Kreuzen, das gefundene mit der Zweisamkeit. Davidstern und Christenkreuz. Geht doch. Geht sowieso: War es ja mein Wiesbadener Nachbar, der immer, wenn ich ausrief: Drei Kreuze (wenn`s gut geht oder gehen soll)!, lächelnd ergänzte, dass es vielleicht auch Drei Davidsterne tun würden. Ich bin glücklich Dany kennengelernt zu haben: Dany Bober, und es lohnt diesen Namen zu googlen..

Nach diesem Moment des Innehaltens, ging unsere Besondere Reise weiter. Lettland erwartete uns – und unsere derzeitigen Mitreisenden werden nicht enttäuscht sein. Versprochen!

9 Kommentare

  1. Danke für Deinen sehr informativen Bericht, obwohl ich mich belesen wähne, ist das Meiste für mich neu.

    Übrigens, Ironie des Schicksals, das reine glaubensmäßige Missionieren haben die Kirchen heute den GRÜNEN übertragen, sie selbst beschäftigen sich lieber mit Politik.

    Dankbare Grüße, Rainer

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    • Was wieder das Sprichwort unserer Omas bestätigt: „Schuster bleib bei deinen Leisten“. Oder dass der Tag eines, meist ev. Pfarrers mit seiner eigenen Job discribtion nicht ausgefüllt ist: sollen die es doch ‚mal wieder mit fasten und beten versuchen..

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      • Nun ja, Reinhard Marx wird jetzt wieder Zeit zum Fasten haben, obwohl, brauchen täte er es zwar nicht…😂

        Allerdings, ich weiss als Atheist nicht, wie breit die Himmelspforte ist, quer käme er ja auf jeden Fall nicht mehr durch. Da hilft auch kein Beten, nur noch konsequentes Fasten.

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    • Ich denke, ja gibt es noch Einige.
      Wer glaubt auch schon an eine Vereinigung, die „Gottes Wille“ predigt, selbst aber auf jeder Kirche einen Blitzableiter anbingen lässt. 😉 So ganz im Einklang steht das wohl nicht. 🙂 🙂

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