Anatevka in Schwerin

Es war schon ein Erlebnis, Open Air zwischen Staatstheater und Schweriner Schloß. Das eigens für die Schloßfestpiele für rd. 1.200 Besucher errichtete Freilufttheater war ausverkauft und glücklicherweise spielte sogar das Wetter mit.

In diesem Musical mit ausreichend Passagen zum Nachdenken, wird primär nicht das unendliche Leiden der Juden gezeigt, sondern deren beispielloser Überlebenswillen und ihre Lebenslust.

Da gibt es zunächst das in einem kleinen Dorf im zaristischen Russland friedlich anmutende Zusammenleben von Juden und Russen.

Die Juden haben ihre Traditionen, den Sabbat zum Beispiel und die Eheanbahnung durch eine Heiratsvermittlern.

Tevje, der Milchmann – mit einer wundervollen Frau, 5 Töchtern und einem stets kranken oder störrischen Gaul gesegnet, lebt in drückender Armut und lässt dann schon einmal seinen Milchkarren stehen um „dem da Oben“ ein paar Worte zu sagen – zu singen natürlich.. „Wenn ich einmal reich wär'“ zum Beispiel.

Sein Plan mittels der Heiratsvermittlern seine Töchter gut zu verheiraten und dadurch vielleicht etwas vom besseren Leben zu bekommen geht nicht auf. Nicht zuletzt durch die Lehren eines zum Sabbatgebet eingeladenen jungen Studenten (der dann auch die eine Tochter „bekommt“). Die Zeiten haben sich geändert und der Vater gibt seinen Segen. Es wird gefeiert.

Und obwohl dunkle Wolken am politischen Firmament erschienen balancierte Tevje, gleich einem Fiedler auf dem Dach durchs das Leben der kleinen Gemeinde voller liebenswerter Menschen und der eigenen Familie.

Und dann kam das Dekret: Alle Juden haben innerhalb von drei Tagen das Dorf zu verlassen..

Es lohnt sich, die von mir nur laienhaft in Fragmenten skizzierte Handlung einmal nachzulesen. Und die Geschichte zur Entstehung des Musicals auch. Da stößt man auf Namen wie Chagall und dessen Bild „Der Geiger“, Harlod Prince, Jeromie Robbins, die „Macher“ von West Side Story und Cabaret .

Nebenbei interessant auch, das Anatevka in der DDR nur in Berlin aufgeführt wurde.

Die Uraufführung war 1964 in New York und ich habe so 1971/72 Anatevka in Frankfurt am Main mit dem unvergessenen Shmuel Rodensky in der Rolle des Tevje zum ersten Mal gesehen.

Zusammenfassend kann ich nur sagen, das dieses Stück wohl ein Höhepunkt meiner bisherigen Besuche des Schweriner Staatstheaters war. Auch wenn diese Besuche aufgrund meines erst vor zwei Jahren erfolgten Zuzugs nach MeckPomm noch gar nicht so häufig waren. Generell muß sich das Schweriner Staatsthater hinter dem Wiesbadener nicht verstecken. Auch wenn ich eine Shakespeare Aufführung als total verlorene Zeit abschreiben musste – Der Wiesbadener Intendant Eric Laufenberg hat auch nicht nur Goldklumpen in den Händen..

Und obwohl ich den Hut vor der Leistung jedes Einzelnen Mitwirkenden ziehe: Mir fehlt das Verständnis, das man die Rolle des Tevje nicht mit einem Juden besetzen konnte. Auch der noch so sorgfältig gelernte Vortrag hatte halt doch nicht die Wirkung eines jiddisch sprechenden „Originals“..

Andererseits – Ivan Rebroff , als gebürtiger Deutscher brachte in Paris eine Rhodensky ähnliche Stimmung auf die Bühne. Vielleicht machte es bei ihm das Äussere. Man nahm ihm genauso einen Russen, wie einen Juden ab..

Meine eigene Wunschbesetzung des Tevje wäre mein ehemaliger Wiesbadener Nachbar gewesen: Dany Bober, ein semiprofessioneller Kleinkünstler, der nicht nur als Jude, sondern mit seinem Gesang und seiner Erscheinung Tevje eine Nuance anders verkörpert hätte als der brave Gustav Peter Wöhler..